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Open Source in Betrieben

by admin last modified 2008-06-26 23:57

Eine repräsentative Umfrage unter 950 Betrieben in Deutschland erforschte, welche Betriebe Freie Software nutzen

Open Source-Software (OSS) ist schon lange kein Spielzeug für Studenten mehr. War OSS Anfangs nur in universitären Kreisen verbreitet, fanden unter der GNU- oder einer ähnlichen Lizenz entstandene Programme wie Linux, KDE oder Perl schon vor einiger Zeit den Weg ins Unternehmen. Nun interessierte sich der Lehrstuhl für Arbeitslehre und Politische Bildung der Universität Frankfurt für Trends über die Verbreitung von OSS in der Wirtschaft. Mit dieser Studie schließt sich der Kreis: von der Entstehung grosser Open Source Projekte an Universitäten zum Studienobjekt für die Wissenschaft.

Bisherige Studien zu OSS in Unternehmen wurden entweder von Unternehmensberatungen kostenpflichtig vertrieben (s. z.B. IDC-Studie, Mai 2007; Actuate-Studie, Juli 2007 ????) oder kostenlos z.B. von der Fraunhofer Gesellschaft 2006 ins Netz (z.B. „Open Source Software: Einsatzpotenziale und Wirtschaftlichkeit“ oder "Open Source Software - Strukturwandel oder Strohfeuer?") gestellt. Diese Studien haben entweder die Zielrichtung die (Wechsel-)Kosten zu/bei OSS oder die Verbreitung von OSS ab zu schätzen. In einigen Fällen wird die weltweite oder europäische und weniger die deutsche Verbreitung untersucht (z.B. IDC-Studie bzw. Studie der Europäischen Kommission zur Wirtschaftlichkeit von Open-Source- und freier Software). Gerade bei den Studien der Unternehmensberatung ist die Methodik unklar (IDC-Studie) und die Repräsentativität nicht unbedingt gegeben. Beispielsweise wurden bei Actuate 600 IT-Entscheider aus Deutschland, Großbritannien und den USA befragt, d.h. Basis waren 200 Befragte für die BRD. Ähnlich eher qualitative Aussagen lassen sich aus der Fraunhofer-Studie "Open Source Software - Strukturwandel oder Strohfeuer?" ablesen, bei der nur 115 Verwaltungen und 94 IT-Unternehmen befragt wurden. Folglich ist eine Studie von Nöten, die sich detaillierter und robuster die Verbreitung von OSS ansieht.

Die Frankfurter Wissenschaftler führten 2004 eine repräsentative Umfrage unter 950 Betrieben durch, in der unter anderem nach dem Einsatz und der Entwicklung freier Software in den Betrieben gefragt wurde. Nachdem ein Buch als Forschungsbericht über die betriebliche Besetzung mittels elektronischer Medien erschienen ist, hatten die Wissenschaftler Zeit, sich dem OSS-Thema zuzuwenden. Auch wenn die Befragung älteren Datums ist, wurden Trends festgestellt, die in den bekannten Studien bisher nicht untersucht wurden. Gravierende Änderungen dieser Trends sind seit der Erhebung nicht zu erwarten: Die betriebliche Umstellung auf OSS verursacht einige Kosten durch Schulungen und Installierung. Da bisher eher eine schlechte Wirtschaftssituation vorherrschte, ist eine umfassende Investition der Betriebe eher unwahrscheinlich. Alte Software oder alte Hardware wird eher weiterhin verwendet.

Die untersuchten Betriebe wurden für die Befragung ausgewählt, da sie offene Stellen mit Hilfe elektronischer Medien besetzen und wegen der Nutzung der IuK-Technnologie hierfür als modern gelten. Diese Betriebe stehen repräsentativ für 80.000 aus dem Sektor der Informations- und Kommunikationstechnik (IuK-Technik). Der Sektor der IuK-Technik besteht aus dem IuK-Kernsektor mit den Branchen Hardwareproduktion, Nachrichtenübermittlung, Datenbanken/Datenverarbeitung, Medien sowie dem IuK-Anwendungssektor mit den Branchen Forschung/Entwicklung, Öffentliche Verwaltung und Banken/Versicherungen. Im IuK-Kernsektor steht die Produktion bzw. Erstellung von Hard- und Software im Vordergrund, wobei im IuK-Anwendungssektor das Tagesgeschäft nicht ohne die Nutzung der IuK-Technik erfolgt.

Abb 1 zeigt die hohe Verbreitung freier Software in den befragten Betrieben: immerhin 56% der befragten Betriebe verwenden mindestens eine OSS. 52% aller befragten Betriebe nutzen Anwendungen, die einen direkten Bezug zum Internet haben. Damit dominieren hier Apache als Webserver und Linux bzw. FreeBSD für die Firewall in den Betrieben. Neben der internetbezogenen Open Source-Software werden, wenn auch mit deutlich geringeren Anteilen, weitere Programme eingesetzt.

Der Einsatz quelloffener Software für die betriebsinterne Vernetzung mittels Linux-Servern oder den Betrieb des Mailsystems wird von 34% der befragten Betriebe genutzt. Betriebssysteme wie Linux oder eine der BSD-Varianten sowie graphische Oberflächen wie KDE oder Gnome werden zu 21% und damit etwas seltener eingesetzt. Nahezu gleich häufig kommt Software für den Büroalltag oder Programme zur Softwareentwicklung zum Einsatz: 20% der befragten Betriebe nutzen OpenOffice oder Perl. Das Potenzial für Open Source-Software ohne Internetbezug ist in diesen Betrieben jedoch riesig, denn nur 10% der Betriebe nutzen die gesamte Palette an Open Source-Software.

Betriebsmerkmale

Die Betriebe, die internetbezogene Open Source-Software oder Open Source-Anwendungen einsetzen, sind tendenziell eigenständige Unternehmen ohne weitere angegliederte Betriebe. Folglich setzen diese Unternehmen ohne weitere Niederlassungen der Studie zufolge mehrheitlich auf proprietäre Betriebssysteme und Desktops. Möglicherweise ist dies einerseits auf die fehlende Notwendigkeit einer betriebsinternen Vernetzung zurückzuführen, andererseits bestehen keine Abhängigkeiten von einer Zentrale. Dies gibt den Verantwortlichen die Freiheit, für kostengünstige Alternativen bei Office-Programmen und Programmiersprachen votieren können. Besonders in Mittel- und Grossbetrieben kommen Linux-Server für betriebsinterne Vernetzung, freie Betriebssysteme mit ihren graphischen Oberflächen sowie Anwendungen wie OpenOffice oder Perl auf dem Büro-PC zum Einsatz. Kleinbetriebe greifen dafür häufiger zu OSS wenn es gilt, die Webpräsenz aufzubauen oder eine Firewall zu betreiben. Möglicherweise verfügen Kleinbetriebe nicht über die Ressourcen und qualifiziertes Personal, um Betriebssystem, Desktop sowie OpenOffice und Perl in einem größeren Rahmen zu verwenden. Es gibt einen erkennbaren Trend, dass öffentliche Institutionen wie Ministerien, Stadtverwaltungen und vor allem Schulen eher auf Open-Source-Anwendungen zurückgreifen: Immerhin 22% der befragten Betriebe, die Open Source-Officepakete und Programmiersprachen nutzen, sind öffentliche Einrichtungen gegenüber 16% bei internetbezogener Open Source-Software. Wahrscheinlich sind im Angesicht leerer Kassen die Lizenzgebühren für diese Institutionen zu hoch.

Erstaunlich niedrig ist der Anteil der Betriebe aus den neuen Bundesländern, die auf Open Source-Software setzen. Generell liegen 21% aller Betriebe in den fünf neuen Bundesländern. Dagegen kommen nur 11-16% aller befragten Betriebe aus den fünf neuen Bundesländern und nutzen OSS der Kategorien 'Internet, Vernetzung, Betriebssystem/Desktop'. Einzig beim Einsatz von Office-Software und Programmierumgebungen liegen die Nutzerzahlen mit 25% in Ostdeutschland etwas höher als in der Betriebsverteilung nach Ost- und Westdeutschland. In den fünf neuen Bundesländern wird also tendenziell eher auf proprietäre Software gesetzt, höchstens durch OpenOffice und Perl an den Lizenzgebühren gespart.

Wird die internet- und intranetbezogene Open Source-Software in jeder Branche des gesamten IuK-Sektors verwendet, sind aber Open Source-Betriebssysteme und -Desktops sowie OpenOffice oder Perl tendenziell eher in den Branchen Datenbanken/Datenverarbeitung sowie Forschung/Entwicklung anzutreffen.

Abb 2: Vergleich zwischen Ost und West: Open Source führt im Osten ein Nischendasein.

Eine Frage der Qualifikation

Open Source-Betriebssysteme und -Desktops sowie OpenOffice oder Perl werden interessanterweise besonders bei Firmen verwendet, die überwiegend Arbeitnehmer mit Hochschulabschluss, also Hochqualifizierte, beschäftigen. Dies gilt auch bei betriebsinterner Vernetzung mit freier Software. Daraus lässt sich schließen, dass vermutlich die Hochqualifizierten in diesen Firmen gegenüber dem Open Source-Betriebssystem, -Desktop und -Bürosoftware besonders aufgeschlossen sind. Ein weiterer Aspekt dürfte darin bestehen, dass Hochschulabsolventen OSS bereits aus ihrer Studienzeit kennen und weiterhin einsetzen. Die Verwendung der internetbezogenen Open Source-Software dagegen ist unabhängig von der Qualifikationsstruktur im Betrieb. Dies verwundert nicht, da Betriebssystem, Desktop und Bürosoftware eher das Tagesgeschäft aller Arbeitnehmer eines Betriebs tangiert. Hochqualifizierte arbeiten sich anscheinend eher on-the-Job ein und benötigen wahrscheinlich kaum teure Schulungen. So werden bei Hochqualifizierten Lizenzgebühren und Schulungen gespart.

OS-Programmierer werden gemeinhin in IuK-affinen Kreisen vermutet. Das Ergebnis der Studie lässt hieran jedoch Zweifel aufkommen: Interessanterweise wird in den befragten Betrieben, die OSS nutzen, nicht unbedingt an OSS mitentwickelt. Nur 5% der Befragten gaben an, dass ihre Angestellte aktiv an einem Open-Source-Projekt mitwirken. Da Vorgesetzte nur selten über Freizeitaktivitäten der Angestellten informiert sind, dürfte zu diesen 5% noch das eine oder andere Prozent an Hobbyprogrammierern kommen. Trotzdem ist die Rate erstaunlich niedrig. Die Ursache ist wahrscheinlich hauptsächlich in der Furcht vor einer hohen Betreuungsintensität des herausgegebenen Quellcodes zu suchen. Daneben können auch Ressentiments gegen die unbekannten Funktionsweise der Open Source-Entwicklung bestehen, bei der die Verantwortlichkeiten, anders als in Betrieben, nicht klar geregelt sind.

Damit gehen folgende Erkenntnisse konform, dass man Open Source-Programmierer eher in Mittel- und Großbetrieben, sowie in den Branchen der Hardwareproduktion und Nachrichtenübermittlung, Daten­banken/Daten­verarbeitung, Forschung/Entwicklung findet. Und auch für Open-Source Entwickler gilt, was bereits für ihre Anwendungen festgestellt wurde: im Osten Deutschlands sind sie deutlich seltener anzutreffen als im Westen der Republik. Es wird die Community freuen zu hören, dass Open-Source Entwickler vorwiegend in Betrieben mit tendenziell mehr Mittel- und Hochqualifizierten zu finden sind. Diese Betriebe sind meist eigenständige Betriebe in einer Unternehmensgruppe oder gehören zu einer öffentlichen Institution.

Betrachtet man die Veränderung der Beschäftigtenzahl in Betrieben, in denen auch Entwickler beschäftigt werden, beobachtet man einen Anstieg der Beschäftigten seit 2002, was mit einiger Vorsicht als Indikator für den Erfolg dieser Betriebe gewertet werden kann. Sinkende Beschäftigungszahlen zwischen 2002 und 2004 waren hingegen in Betrieben auszumachen, die ihre betriebsinterne Vernetzung auf Freie Software stützen oder Freie Software wie OS-Betriebssysteme/-Desktops einsetzen. Diese Betriebe gehören tendenziell eher der Gruppe der Mittel- und Grossbetriebe an, die in diesem Zeitraum allgemein viel Personal abbauten. Offensichtlich hat der Einsatz freier Software den Personalabbau nicht verhindern können. Nur bei den Betrieben, die OS-Anwendungen wie OpenOffice oder Perl nutzen, gab es auch in der Zeit der Rezession zwischen 2002 und 2004 einen Beschäftigtenanstieg, der auf ein erfolgreiches Unternehmen hindeutet.

Die Studie belegt auf einer breiten statistischen Basis, welche Verbreitung Anwendungen aus dem Repertoire der Freien Software inzwischen gefunden hat. Nutzungszahlen von 56% täuschen darüber hinweg, dass trotzdem der Grossteil der Applikationen einem proprietären Lizenzmodell unterliegt. Bemerkenswert sind auf jeden Fall die geringe Verbreitung in den neuen Bundesländern sowie die Tatsache, dass OSS eher in Betrieben mit vielen Hochschulabgängern zu finden ist. Zweifellos besitzen Apache und Firewalllösungen beispielsweise mit Linux eine hohe Akzeptanz, ganz unabhängig von Betriebsgrösse und der Qualifikation der Angestellten. Zumindest in diesem Bereich kann davon gesprochen werden, dass OSS in den Betrieben 'angekommen' ist. Folglich sind Befragungen, die rein nach der generellen Nutzung von OSS fragen, mit Vorsicht zu genießen.

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